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Warum die „Search stirbt"-Debatte zu kurz greift – und was stattdessen wächst

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Seit dem Launch von ChatGPT Ende 2022 überschlagen sich die Schlagzeilen: Google sei am Ende, SEO werde irrelevant, die klassische Suche stehe kurz vor dem Aussterben. Neue Daten zeigen jedoch ein deutlich differenzierteres Bild. Die AI-Nutzung ist tatsächlich massiv – sogar größer als die meisten bisherigen Schätzungen vermuten ließen. Aber nicht, weil Search schrumpft. Sondern weil der gesamte Kuchen wächst.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • AI-Sessions erreichen weltweit bereits 56 % des Volumens klassischer Suchmaschinen – in den USA 34 %. Bisherige Schätzungen lagen um den Faktor 4–5 zu niedrig, weil Mobile-App-Daten fehlten.
  • 83 % der AI-Nutzung findet über mobile Apps statt, nicht über den Browser. Wer nur Web-Traffic misst, unterschätzt die Realität massiv.
  • Die Suchmaschinen-Nutzung ist nicht rückläufig. Der Gesamtmarkt aus Search + AI-Asking ist seit 2023 um 26 % gewachsen (weltweit).
  • Nur etwa 52 % der AI-Prompts sind suchbezogen („Asking"). Der Rest entfällt auf „Doing" (Texte umschreiben, Code generieren) und „Expressing" – Anwendungsfälle, die mit klassischer Suche nie konkurriert haben.
  • Es handelt sich nicht um ein Nullsummenspiel: Mehr AI-Nutzung bedeutet nicht automatisch weniger Google.

Was ist neu?

Bisherige Vergleiche zwischen AI und Search hatten einen systematischen blinden Fleck: Sie verglichen Web-Traffic von ChatGPT mit Web-Traffic von Google. Das klingt logisch, ignoriert aber, dass der Großteil der AI-Nutzung gar nicht im Browser stattfindet. 83 % der weltweiten AI-Sessions laufen über mobile Apps – in den USA sind es 75 %. Wer also nur Similarweb- oder SEMrush-Daten zur ChatGPT-Website heranzieht, erfasst bestenfalls ein Fünftel des tatsächlichen Volumens.

Korrigiert man diesen Fehler, verändern sich die Proportionen dramatisch. AI kommt weltweit auf rund 45 Milliarden monatliche Sessions. Davon entfallen allein 5,4 Milliarden auf die USA. ChatGPT hält – bereinigt um nicht-suchbezogene Prompts und inklusive App-Nutzung – einen Anteil von etwa 20 % am weltweiten „Search & Discovery"-Markt, in den USA rund 12 %.

Gleichzeitig zeigen die Daten etwas, das in der aktuellen Debatte fast untergeht: Der Traffic auf klassischen Suchmaschinen ist stabil. Google hat nicht weniger Besuche als vor drei Jahren. Bing, Yahoo und DuckDuckGo ebenfalls nicht. Der Gesamtmarkt – also die Summe aus Suchmaschinen-Visits und suchbezogenen AI-Sessions – ist seit Q1 2023 um 26 % gewachsen (weltweit) bzw. 16 % in den USA.

Warum relevant?

Für alle, die im DACH-Raum SEO betreiben oder Content-Strategien verantworten, verschieben diese Zahlen den Rahmen der Diskussion grundlegend.

Die „Search stirbt"-These ist empirisch nicht haltbar. Es gibt keinen Abwärtstrend bei Google oder bei Suchmaschinen insgesamt. Die Nutzung klassischer Suche bleibt stabil – und das trotz der explosionsartigen Verbreitung von AI-Tools. Was wächst, ist zusätzliche Nachfrage. Menschen stellen heute mehr Fragen als je zuvor, nur eben über mehr Kanäle.

Die Unterscheidung zwischen Asking, Doing und Expressing ist zentral. Nicht jeder ChatGPT-Prompt ist ein verlorener Google-Klick. Wenn jemand einen Prompt schreibt wie „Schreibe mir eine Geburtstagskarte für meine Schwester" oder „Formatiere diese CSV-Datei um", dann war das nie ein Suchmaschinen-Use-Case. Rund 48 % der Prompts fallen in die Kategorien Doing und Expressing. Sie sind für den Vergleich mit Search schlicht irrelevant. Bereinigt man die Daten, liegt die suchbezogene AI-Nutzung bei 28 % des globalen Suchvolumens – immer noch erheblich, aber deutlich unter der unbereinigten Zahl von 56 %.

Mobile Apps als blinder Fleck. In der SEO-Branche arbeiten die meisten mit Tools, die Web-Traffic messen. Das war bisher kein Problem, weil auch Suchmaschinen primär webbasiert funktionieren. Bei AI-Produkten ist das anders. Wenn du als SEO oder AEO-Verantwortlicher den Markt einschätzen willst, brauchst du App-Daten – und die sind erheblich schwerer zu erheben und zu verifizieren als Website-Analytics.

Unsere Einordnung

Die Kernbotschaft – AI ist größer als gedacht, aber Search lebt – klingt erst einmal beruhigend. Bevor du dich aber zurücklehnst, lohnt ein genauerer Blick auf die methodischen Feinheiten und die offenen Fragen.

Sessions sind nicht Searches

Die Studie vergleicht „Sessions" von AI-Produkten mit „Visits" auf Suchmaschinen. Das ist zunächst nachvollziehbar, aber nicht exakt gleichwertig. Eine Google-Session kann eine einzelne Suchanfrage enthalten oder zwanzig. Eine ChatGPT-Session kann einen Prompt enthalten oder ein einstündiges Gespräch mit dreißig Turns. Die Metrik „Sessions" misst Engagement-Häufigkeit, nicht Suchvolumen im klassischen Sinn. Das heißt nicht, dass der Vergleich wertlos ist – aber die konkreten Prozentzahlen (56 %, 34 %) solltest du als Größenordnung lesen, nicht als exakten Marktanteil.

App-Daten: valide, aber schwer überprüfbar

Die Erkenntnis, dass 83 % der AI-Nutzung auf Mobile Apps entfällt, ist einer der wichtigsten Datenpunkte der gesamten Analyse. Allerdings stammen solche App-Session-Daten typischerweise aus Panel-basierten Hochrechnungen (z. B. von Anbietern wie Sensor Tower oder Data.ai). Diese Schätzungen haben historisch eine höhere Fehlertoleranz als Server-seitige Web-Analytics. Die Richtung stimmt fast sicher – App-Nutzung dominiert klar –, aber ob es 83 % oder 70 % sind, lässt sich extern nicht sauber validieren.

Öffentliche Nutzungskennzahlen helfen zumindest dabei, die Größenordnung einzuordnen.

Asking als Upper Bound, nicht als Äquivalent

Die Bereinigung um „Asking"-Prompts ist methodisch der richtige Ansatz: Nicht jede AI-Interaktion konkurriert mit Search. Die zugrunde liegende OpenAI/Harvard-Studie ordnet Prompts in Asking, Doing und Expressing ein – eine sinnvolle Taxonomie. Allerdings räumt die Analyse selbst ein, dass viele Asking-Prompts keine direkten Substitute für klassische Suchanfragen sind. Wer ChatGPT fragt „Wie gehe ich mit einem schwierigen Gespräch mit meinem Chef um?", hätte das vermutlich nie bei Google gesucht. Die 28 % suchbezogener AI-Nutzung sind daher eher ein oberer Grenzwert als eine exakte Entsprechung.

Incentive-Struktur im Blick behalten

Graphite ist eine Agentur, die sich auf SEO und AEO spezialisiert. Wenn die Analyse zeigt, dass AI riesig ist und gleichzeitig Search stabil bleibt, dann ist das die optimale Botschaft für genau dieses Geschäftsmodell: Beide Kanäle sind relevant, beide brauchen professionelle Betreuung. Das macht die Daten nicht falsch – die Methodik ist transparent, die Quellen offen zugänglich –, aber du solltest den kommerziellen Kontext kennen, wenn du die Ergebnisse einordnest.

Was das für SEO und AEO im DACH-Raum bedeutet

Für den deutschsprachigen Markt sind die Implikationen mehrdimensional. Die globalen Daten zeigen, dass AI-Nutzung außerhalb der USA bereits 7-mal so hoch ist wie innerhalb. Das deutet darauf hin, dass auch in Europa und DACH die Verbreitung weiter ist, als viele lokale Analysen nahelegen.

Konkret heißt das: Die klassische Google-Optimierung bleibt wichtig – die Daten bestätigen, dass hier kein Traffic-Einbruch stattfindet. Gleichzeitig entsteht ein zweiter, wachsender Kanal, über den Nutzer Informationen suchen und Entscheidungen treffen. Wer heute nur auf Google optimiert und AI-Sichtbarkeit ignoriert, verliert nicht sofort Traffic – aber verpasst das Wachstum.

Die Herausforderung für DACH liegt darin, dass belastbare lokale Daten fehlen. Die Graphite-Zahlen sind global und US-fokussiert. Wie sich die Verteilung zwischen ChatGPT, Gemini, Perplexity und Claude im deutschsprachigen Raum verhält, ist nicht Teil der Analyse. Erste Indizien deuten darauf hin, dass ChatGPT auch in DACH dominiert, aber die Marktanteile könnten sich von den US-Zahlen unterscheiden – allein schon, weil Grok und Claude hierzulande weniger verbreitet sind.

Für die Content-Strategie folgt daraus ein pragmatischer Ansatz: Inhalte, die sowohl für klassische Suchmaschinen als auch für AI-Systeme gut aufbereitet sind – klar strukturiert, mit expliziten Antworten auf konkrete Fragen, semantisch eindeutig –, profitieren von beiden Kanälen gleichzeitig. Das ist keine Revolution, sondern eine Erweiterung. Gutes SEO war schon immer gutes Content-Handwerk. AEO erweitert den Anforderungskatalog, ersetzt ihn aber nicht.

Was jetzt zu prüfen oder zu tun ist

  • Überprüfe deine aktuelle Reporting-Infrastruktur: Erfasst du nur Web-Traffic, oder hast du eine Methode, um AI-generierte Sichtbarkeit (Zitierungen, Brand Mentions in AI-Antworten) zu tracken?
  • Analysiere deine Top-Content-Seiten: Welche Inhalte beantworten konkrete Fragen direkt und könnten von AI-Systemen als Quelle herangezogen werden? Wo fehlt strukturierte Aufbereitung?
  • Prüfe die AI-Sichtbarkeit deiner Marke: Stelle typische Kundenfragen in ChatGPT, Gemini und Perplexity. Taucht dein Unternehmen oder dein Content in den Antworten auf?
  • Erweitere deine Content-Strategie um AEO-Aspekte: FAQ-Strukturen, klare Entitäten-Definitionen, explizite Aussagen statt vager Beschreibungen – all das verbessert sowohl die klassische SEO-Performance als auch die AI-Sichtbarkeit.
  • Vermeide Panik-Reaktionen: Die Daten zeigen keinen Search-Rückgang. Eine panische Umschichtung des gesamten Budgets von SEO zu „AI-Strategie" wäre durch die aktuelle Datenlage nicht gedeckt.
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Autor

Tobias Bertram 

Leidenschaftlicher Suchmaschinenoptimierer

🩶 Onlinemarketing

Seogenetics

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